Freifahrt durch Tempolimit

Tempolimit. Ein immer wiederkehrendes Thema in Politik, Medien und am Stammtisch. Es soll dazu beitragen, dass Autobahnen sicherer werden und sich Abgase verringern. Das ist sinnvoll, jedoch hoch emotional. Es gibt Experten, die meinen, die Persönlichkeit eines Menschen anhand seines Autos bestimmen zu können. Das ist natürlich Unfug. Sichere Diagnosen liefert erst die Kombination aus Fahrzeugtyp, Felgen, Reifen und Aufklebern. Die Mensch gewordene Motorkutsche mit Sehnsucht nach früher: Handgeklöppelte Speichenfelgen. Gern kombiniert mit wöchentlich polierten Niederquerschnittsreifen, die jeden Kieselstein ungeferdert weitergeben mit Sinnsprüche, wie Tempolimits sind Freiheitsberaubung. Dazu der Jesusfisch, das D-Schild und bis-dass-der-TÜV-uns-scheidet Aufkleber. Manchmal ist es tatsächlich gut, sich auf seine Intuition zu besinnen, bevor man den Dschungel der Sachargumente betritt. Dabei hilft unserem Menschenverstand allerdings oft etwas Grundwissen. Hinsichtlich Benzinverbrauchs und CO2-Ausstoss lässt sich das theoretische Optimum gut ermitteln. Für die meisten Automodelle liegt das Minimum des Spritverbrauchs zwischen 80 und 100 Kilometer pro Stunde. Darunter sinkt der Wirkungsgrad, insbesondere grosser Motoren. Ein VW Golf oder ein Opel Astra schluckten in einem Test der Zeitschrift AutoBild bei Tempo 200 fast das Dreifache ihres Normverbrauchs, daher die Richtgeschwindigkeit von 130 Km/h. Der globale Klimawandel lässt sich allein damit sicher nicht aufhalten. Aber der Beitrag eines Tempolimits wäre über Nacht und ohne grosse Kosten realisierbar, zudem würden auch andere Schadstoff-Emissionen, sowie Lärm reduziert. Es führt zudem langfristig zu einer Änderung im Kaufverhalten und letztlich zur Verschiebung der Angebotspalette der Hersteller in Richtung Emobilität. Wer jedoch mit Tempo 200 die Kontrolle über sein Auto verliert, hat vermutlich keine Gelegenheit mehr, über das andere grosse Argument für ein Tempolimit nachzudenken: die Zahl der Verkehrstoten auf unseren Autobahnen.

Wenn Gesetze und Grenzwerte von der Bevölkerung nicht als Schutz, sondern als Bevormundung verstanden werden - wird es gefährlich. Wovon der sächische Ministerpräsident sprach, waren Tempolimits und Feinstaubwerte. Von Raserei, Lichthupe, Rauch und Staub ist hier die Rede. Es gibt also doch eine tiefen inneren Zusammenhang zwischen dem Streit um Flüchtlinge und den ums Autofahren. Es soll in Deutschland alles so bleiben, wie es ist. Zivilisation aber ist Vernunft und auch ein Kernbestand deutscher Kultur.

Die gute Nachricht: ein Tempolimit auf Autobahnen soll kommen. Die Elektromobilität ist nach den Plänen jedoch davon ausgenommen. Das fordern manche, andere lehnen das ab. Dabei liese sich in diesem Streit leicht ein Kompromiss finden. Der könnte so aussehen: die mentale Strichliste zeigt ohnehin einen deutlichen Überhang so hochpreisiger, wie grosser Nobelkarossen, die ganz ausschliesslich elektrisch angetrieben werden. Ein Tempolimit wird eingeführt und gilt eben nicht für reine Elektrofahrzeuge auf der linken Spur. Damit könnten wir leben, denn die Diesel-Schleicher werden auf den anderen Fahrspuren diszipliniert. Das alles sollte natürlich verknüpft werden mit der Pflicht, PKW-Maut, Fahrzeug- und Kraftstoffsteuern nur für Verbrenner zu erheben. Die Formeln, die zur Berechnung von deren Verbrauch und CO2-Ausstoss benutzt werden, ersparen wir Ihnen an dieser Stelle. So etwas ist natürlich noch abgerundet mit handfesten Vorteile für das E im Kennzeichen.

Kommunen verteilen zusätzliche Sonderrechte, die teils beachtliche Ausmasse annehmen. Das kann kostenloses Parken sein oder sogar die straffeie Benutzung der Busspur. In ländlichen Regionen darf man kostenlos an die E-Zapfsäule fahren, um klimaneutral Pendler und Besucher anzulocken. So gewinnt die Elektromobilität ganz geräuschlos weiter an Fahrt.